Pädagogische Gedanken zur aktuellen schulischen Lage


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Als freiberufliche Pädagogin erhalte ich seit Monaten von besorgten, verängstigten Eltern Sprachnachrichten von Pädagogen, welche die Eltern ermahnen mit ihren Söhnen und Töchtern zu üben und Hausaufgaben zu machen, Inhalte dringend nachzuarbeiten.
Neben meiner Arbeit mit Eltern und jungen Menschen, arbeite ich aber auch mit Pädagogen, die verzweifelt sind, weil sie sich in anderen Verstrickungen nicht aussehen.

Alle sind am Anschlag, die jungen Menschen, die Eltern, die Pädagogen. Ich weiß aus eigener Erfahrung in welcher Lage sich die Lehrer, Pädagogen, aber auch die Eltern und die jungen Menschen befinden. Ich möchte Sie heute zu einem Perspektivwechsel einladen. Begeben wir uns auf eine Reise, verschiedene Sichtweisen zu betrachten.

Viele Eltern, meist mindestens eine Person einer Familie, sind aktuell in Kurzarbeit oder arbeitslos. Manche wechseln alle paar Wochen Jobs, sind ständig auf der Suche nach neuen, anderen Verdienstmöglichkeiten, um ihre Existenz zu sichern.

Ein Großteil ist weit weg von dem, was sie einst gelernt haben oder wonach nach ihr Selbst strebt, weit weg von ihren persönlichen Zielen und Bedürfnissen. Sie können sich nicht mehr selbst verwirklichen, was noch vor einem Jahr möglich war. Das führt Eltern zu inneren Konflikten, belastet die Beziehungen, die Verbindung und führt zu äußerster Unsicherheit auf vielen Ebenen.


Ein verbeamteter Lehrer ist mit dieser Art von existenziellen Ängsten, aus Sicht der meisten Eltern, wenig konfrontiert, befindet er sich doch in einem relativ unkündbaren Arbeitsverhältnis. Er hat wiederum aber andere Sorgen, Ängste und Nöte, denen er sich, aus seiner Sicht, ausgesetzt fühlt, was wiederum für die meisten Eltern von außen nicht wahrnehmbar, sichtbar oder nachvollziehbar ist.

Beispielsweise, liegt ihm daran, dass junge Menschen möglichst viel Wissen ansammeln und anwenden können, um ihr Leben eigenverantwortlich zu meistern. Sie entwickeln größten Fokus darauf, wenden verschiedenste Methoden, Techniken an, um das zu erreichen. Aus dieser Sicht wird klar, warum sie so bemüht sind, die Eltern zur Wissensvermittlung zu Hause zu bewegen.

Für viele Eltern, agieren Beamte, aus einer sicheren Perspektive, die manche Eltern heute nicht mehr haben und vielleicht lange nicht mehr haben werden. Diese Unsicherheit der Eltern überträgt sich auf die jungen Menschen und auf deren Entwicklung.

Gleiches passiert aber mit den Ängsten, Sorgen und Nöten der Pädagogen. Das bedeutet, unsere Söhne und Töchter, sind nicht nur ihrer eigenen Unsicherheit ausgeliefert, sondern auch von zwei zusätzlichen Seiten, der der Eltern und der ihrer Begleiter.

Eine Vielzahl von Eltern spüren, genau wie ihre Söhne und Töchter, durch die Maßnahmen keine Verbindung mehr zu den Lehrern ihrer Kinder. Sie fühlen sich weder wahrgenommen in ihren Bedürfnissen, noch gesehen, noch in ihrer Elternrolle wertgeschätzt. Umgekehrt weiß ich, dass es Lehrern genauso geht.

In meinem erziehungswissenschaftlichen Studium habe ich sehr früh gelernt, dass Lernen, also Anknüpfen an Wissen, nur dann möglich ist, wenn alle Grundbedürfnisse befriedigt und Konflikte gelöst sind und wir uns gesehen fühlen. (z.B. Kohlberg, moralische Entwicklung)

Bei ca. 85% aller Kinder und Jugendlichen trifft dies aktuell nicht zu. Das Verhalten, das sie zeigen, in Form von Verweigerung, Motivationslosigkeit, Aggression, Resignation, vermehrter Zappeligkeit, Konzentrationsmangel etc. ist nur das, was Sie im Außen sehen und wahrnehmen.

Bindungs-Beziehnungsmodell nach Katia Saalfrank “Kinder besser verstehen”

Diesem Verhalten liegt ein Mangel an Bedürfnisbefriedigung zu Grunde. Die Gehirnforschung bestätigt dieses Wissen seit Jahren, und weißt darauf verstärkt hin, dass bei jeglicher Form von Stress, das Gehirn ähnliche Symptome auslöst, wie bei körperlicher Gewalt. Es ist dann nicht im Stande an Wissen anzuknüpfen.

Nahezu alle Kinder und Jugendlichen können dem, durch die massiven Einschränkungen ihrer körperlich und geistigen Entwicklung nicht nachkommen. Ihre Bedürfnisse nach Sozialkontakten (Verbindung), körperlicher Betätigung und Selbstverwirklichung (Autonomie) und häufig auch dem Bedürfnis nach Sicherheit, kann weder durch die Eltern, noch durch die Lehrer, aktuell entsprochen werden. Das löst im Gehirn Stress aus.

Die Kinder und Jugendlichen fühlen sich häufig nicht mehr verbunden und durch die Maßnahmen gezwungen ihre Bedürfnisse zu unterdrücken, und das schon eine sehr lange Zeit, im Vergleich zu ihrem jungen Lebensalter.


Die jungen Menschen, die hier noch keine oder unzureichend angemessene Selbstregulationsprozesse entwickelt haben, entwickeln konnten, VERwickeln sich aktuell, statt sich zu ENTwickeln und dann zu ENTfalten. Dies sollten zumindest Pädagogen, als Entwicklungsbegleiter, bei ihrer Arbeit berücksichtigen. Natürlich ist es wünschenswert, wenn auch immer mehr Eltern dieses Wissen verinnerlichen, denn im Grunde gilt dieses Wissen als Basis für zwischenmenschliche Beziehungen.

Unsere Aufgabe als Pädagogen und Eltern ist es aktuell, die jungen Menschen in erster Linie zu schützen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und ihnen so gut es uns ehrlich und authentisch möglich ist, Sicherheit und Verbindung zu gewähren. Alles andere kann erst danach erfolgen.

Sicherheit und Verbindung vorgaukeln, wo keine ist, ist auch schädlich, denn damit sagen wir den jungen Menschen, dass das, was sie fühlen und wahrnehmen, falsch ist und bringen sie in einen weiteren Loyalitätskonflikt.

Lernen, also Anknüpfen an Wissen, ist ein Bedürfnis der Selbstverwirklichung, dies ist nur möglich, wenn alle anderen Grundbedürfnisse, nach Sicherheit, Geborgenheit, Verbindung, Autonomie gesichert sind.

Aktuell sind Pädagogen gefordert genau hinzuschauen, wo die jungen Menschen stehen, die Sie betreuen, was sie beschäftigt, belastet, was ihre Eltern vielleicht auch beschäftigt und belastet. Sie sind gefordert, sie ernst zu nehmen, zu begleiten, sie zu würdigen. Aufgrund dieser gegenseitigen Würdigung und Wertschätzung wird Verbindung und Beziehung wieder möglich und dadurch auch Lernen, Anknüpfen an Wissen, auf allen Seiten.

Halten Sie ihren Akku liebevoll geladen und bedenken Sie immer, egal ob als Eltern oder Pädagogen: „Wir können Liebe und Energie nur geben, wenn wir selbst ausreichend davon besitzen!“

Es geht gerade nicht nur darum, Wissen in Form von Inhalten zu vermitteln, sondern zunächst darum, zu fühlen, zu spüren, da zu sein, Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln!

Alles Liebe, viel Kraft und gutes Gelingen! Achten Sie auf sich zuerst!

Kathy Sollmann

Pädagogischer Coach